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Redebeitrag zum 8. März 2026

Liebe Genoss*innen, liebe Freund*innen,

ein bekannter antifaschistischer Demospruch lautet: „wir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen“. Für uns hat sich diese Parole noch nie so echt angefühlt wie aktuell. Seit über zwei Jahren sitzt unsere Genoss*in Maja nun schon – erst in Deutschland, seit über einem Jahr in Ungarn – im Knast. Ein Ende ist noch lange nicht absehbar. Maja und anderen Antifaschist*innen wird vorgeworfen an Angriffen auf Neonazis am Tag der Ehre 2023 in Budapest beteiligt gewesen zu sein. Aber auch mehrere Angriffe auf mutmaßliche Rechtsextreme in Ostdeutschland werden ihnen zugeschrieben. Trotz extremst dünner Beweislage zeigt sich der deutsche Staat, sowohl in politischen Debatten als auch durch die Justiz, eifrig motiviert die Angeklagten zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilen zu wollen und damit hart gegen das angeblich so demokratiegefährdende Problem des „Linksextremismus“ vorgehen zu wollen. Dass der Staat dabei selbst demokratische Prinzipien über Bord wirft, wie z.B. durch die rechtswidrige Auslieferung Majas nach Ungarn – wo man ganz bewusst das Bundesverfassungsgericht überging – oder durch die offensichtliche, faktische Absage an die Unschuldsvermutung – in dem die Gerichte im Prozess nicht mehr versuchen Schuld zu beweisen, sondern die Angeklagten ihre Unschuld beweisen müssen – ist für sie dabei wohl jedoch unproblematisch. Insbesondere die nichtbinäre Antifaschist*in Maja hat es hart getroffen. Die deutsche Bundesregierung scheint bis heute keinerlei Problematik darin zu sehen ein queere Person an ein autokratisches, rechtsextremes Regime wie Ungarn auszuliefern. In der Folge musste Maja mit Kakerlaken und Bettwanzen, 23 Stunden des Tages in Isolationshaft hausen. Solche Haftbedingungen, die darauf abzielen Menschen zwar nicht körperlich, aber psychisch zu brechen, nennt man weiße Folter. Selbst ein 40-tägiger Hungerstreik Majas letzten Sommer konnte nur geringe Verbesserung der Haftbedingungen erwirken. Anfang Februar wurde nun ein Urteil gegen Maja und zwei andere Antifaschist*innen gesprochen. Maja solle 8 Jahre Haft im Zuchthaus – also der härtesten Form von Gefängnis in Ungarn – absitzen. Zwar versicherte Ungarn Maja würde die Haftstrafe in Deutschland absitzen dürfen aber bisher ist das wie und wann noch komplett unklar. Majas Urteil ist damit zwar geringer ausgefallen als erwartet. Die Staatsanwaltschaft forderte zunächst 24 Jahre, doch Aufatmen können wir deswegen nicht. 8 Jahre Knast aufgrund von antifaschistischen Engagements in einem Land mit rechtsextremer, autoritärer und queerfeindlicher Regierung unter menschenunwürdigen Bedingungen kann nicht fair oder gerechtfertigt sein! Zudem haben im Januar auch die Verfahren in Deutschland gegen weitere Antifaschist*innen, die zum Komplex „Antifa-Ost“ gezählt werden, begonnen. Auch sie erwarten voraussichtlich lange Haftstrafen.

Für uns ist klar: Antifaschismus und Feminismus müssen Hand in Hand gehen! Denn gerade auch feministische Errungenschaften sind es, die dem rechten Backlash zuerst zum Opfer fallen. Sexismus, Antifeminismus und Queerfeindlichkeit sind die Klammer rechter und autoritärer Projekte weltweit. Diese Ideologien bieten den Nährboden beispielsweise für die systematischen Angriffe auf diverse CSDs in ostdeutschen Bundesländern oder für die anhaltend hohen Zahlen von Femiziden in Deutschland.

Genauso wie in der Bekämpfung von Rechtsextremismus, zeigt der Staat sich außerstande etwas gegen das erschreckende Ausmaß patriarchaler Gewalt zu tun. Weiterhin viel zu hohe Zahlen von Femiziden, häuslicher Gewalt und sexueller Übergriffe. Gleichzeitig viel zu wenig Präventionsmaßnahmen. Ganz zu schweigen von der queerfeindlichen Gewalt, der trans Personen und nichtbinäre Menschen ausgesetzt sind. Während davor desinteressiert die Augen verschlossen werden und eine vernünftige Erfassung dieser Gewalt auf sich warten lässt, will der Staatsapparat es sich jedoch nicht nehmen lassen, über unsere Körper verfügen zu dürfen. Seit Jahrzehnten fordern wir die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Erfolglos – denn körperliche Selbstbestimmung würde staatliches Kontrollbedürfnis und Interesse unterwandern.

Die Historie sollte uns mittlerweile gelehrt haben, dass wir uns als Feminist*innen nicht auf den Staat verlassen können. Feministische Errungenschaften waren immer schon das Ergebnis von Kämpfen gegen männliche und staatliche Autorität. Sie wurden gegen und nicht durch sie erreicht. Die feministische Bewegung muss endlich ihre Staatsgläubigkeit ablegen und erkennen, dass wir ohne den Staat deutlich besser dran wären!

Das heißt: wir müssen unsere Befreiung selbst in die Hand nehmen! Gegen Staat, Kapitalismus und Patriarchat! Ein hoch auf die feministische Solidarität und free all Antifas!

Dieser Redebeitrag wurde am 8. März 2026 auf der Demo des Feministisches Kampftagsbündnis Erfurt gehalten und auf der Take Back the Night Demo am 7. März 2026.

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Stament zur Demo „Frauen gegen Krieg und Krise“ am 7. März 2026

Liebe Genoss*innen und Freund*innen,

der alljährliche feministische Kampftag steht kurz bevor! Wir freuen uns schon am 8. März mit euch gemeinsam und kraftvoll auf die Straße zu gehen! Braucht ihr noch weitere Infos zur Demonstration am Sonntag, 14 Uhr ab dem Domplatz oder zu den darum stattfindenden Veranstal-tungen, dann informiert euch gerne über die Seite des 8. März Bündnisses.

Am Vorabend wollen wir bereits kämpferisch als FLINTA*s bei einer Take Back The Night Demo unsere Wut und femi-nistische Anliegen auf die Straße tragen. Wir treffen uns dafür um 19:30 Uhr am Leipziger Platz. Mehr Infos findet ihr z.B. hier.

Während wir auf diese Veranstaltungen mit kämpferischer Vorfreude blicken, mussten wir feststellen, dass einige sog. „Rote Gruppen“ wieder einmal beschlossen haben unsoli-darisch auszuscheren. Die Gruppen Rotes Erfurt, ErfurtUnsilenced, Rotes Band Thüringen, YUNA-Demokratische Jugend Weimar, Kulturverein Mesopotamien e.V., DKP, MLPD und Rebell haben sich dazu entschlossen eine eigene Demonstration unter dem Motto: „Frauen gegen Krieg und Krise“ anzumelden. Solche unsolidarischen Moves kennen wir ja bereits wie beispielsweise vom 17.01. in Leipzig, wo sie der Meinung waren, den linken Stadtteil Connewitz von „Antideutschen“ säubern zu müssen. Was die Mission dahinter war gegen den einzigen Linken-Wahlbezirk in Sachsen zu mobilisieren, bleibt abseits des offensich-tlichen Antisemitismus und blinden Zerstörungswahns auch im Nachhinein ein Rätsel.

Aber kommen wir mal konkret zu ihrem Aufruf: Bereits die Rede von „Frauenkampftag“ zeigt, welch (wenn überhaupt) unzeitgemäßer Feminismus da dahintersteckt. 2026 ist innerhalb der Feministischen Bewegung glücklicherweise wohl der allgemeine Konsens erreicht, dass wir nicht nur für „Frauenbefreiung“ kämpfen, sondern für die Befreiung aller vom Patriarchat unterdrückten Menschen – also auch die unserer queeren Genoss*innnen: Nonbinarys, trans Personen, agender Personen und intergeschlechtliche Menschen. In ihrem Aufruf wird zwar auch auf die Unterdrückung von „LGBTI+“ verwiesen, aber warum diese hier offensichtlich nur in einer Sonderrolle genannt werden, kann man wohl nur mit ihrer Wahrnehmung von Trans- und Queerfeindlichkeit als nachrangig und nicht dezidierten Teil feministischer Kämpfe erklären. Insofern erscheint es heuchlerisch zwar auf Kämpfe von trans Personen und Nonbinarys zu verweisen und ihnen vermeintlich Solidarität auszusprechen, dann aber konsequent an der Rede von „Frauen“ und „Frauenbefreiung“ festzuhalten.

So verhält es sich im besagten Aufruf nicht nur mit Queer- und Transfeindlichkeit, sondern auch mit der sog. „Frauenbefreiung“. Sie schreiben: „Genauso verurteilen wir die bürgerliche Trennung der Arbeiter:innen- und Frauenbewegung. Wir Arbeiter:innen können uns nicht befreien, solange nicht auch unsere Schwestern frei sind. Genauso kann die Frauenbefreiung auch nicht außerhalb der Klassenfrage realisiert werden.“ Die angebliche „bürgerliche Trennung“, die hier angesprochen wird, verweist wohl eher auf den von der Arbeiterbewegung historisch selbstgewählten Ausschluss von Frauen und feministischen Themen, der eben mal einfach der bürgerlichen Ideologie statt ihrem zu rettenden revolutionären Subjekt des „Proletariers“ zugesprochen wird. Sie entlarven sich schlicht selbst damit, darauf zu verweisen, dass diese Kämpfe aufeinander angewiesen sind, statt zu reflektieren, dass die Herrschafts- verhältnisse(!) selbst miteinander verwoben sind. Offensichtlich sind FLINTA*s auch Arbeitende, alle sind vom Kapitalismus und Patriarchat betroffen – dafür muss man keine „proletarische Frau“ sein. Die unter- schiedlichen Herrschaftsverhältnisse stellen in der modernen Gesellschaft eine Totalität dar, in der alles mit einander verbunden ist, einander durchzieht und aufeinander angewiesen ist. Kapitalismus und Patriarchat lassen sich nicht trennscharf als Herrschafts- verhältnisse voneinander differenzieren, sondern greifen konstitutiv ineinander. Vor diesem Hintergrund brauchen wir eine tiefgreifende Transformation – man möge es auch Revolution nennen – aller gesellschaftlicher Verhältnisse, um endlich das gute Leben für alle – eine Gesellschaft, in der alle ohne Angst verschieden sein können – zu verwirklichen. Die Rede davon, dass es eine „proletarische“ Revolution sein müsste, zeigt letztlich nur, dass diese Gruppen dem Kapitalismus gegenüber anderen Herrschaftsverhältnissen den Vorrang gewähren. Das nannte man schon vor fünfzig Jahren die These vom Nebenwiderspruch und sie wurde durch Feminist*innen als Irrglaube der Arbeiterbewegung entlarvt. Stets bemüht, diese Position zu verschleiern, wird im Aufruf immer wieder auf Verschränkung und Notwendigkeit beider Kämpfe verwiesen. Inhaltlich bleibt man dabei jedoch ziemlich substanzlos. Eher werden ein paar Buzzwords aneinandergereiht, durch die man sich selbst versichert, alles auf dem Schirm zu haben und in jeden sozialen Kampf involviert zu sein. Möglicherweise hat das argumentative Rumgeeiere an dieser Stelle den eigenen Verstand so vernebelt, dass man selbst nicht mehr erkennen konnte, dass man mal wieder einem orthodox marxistischen Irrglaube der Arbeiterbewegung auf den Leim gegangen ist.

Den Ursprung des 8. März in der sozialistischen Frauenbewegung in allen Ehren, bleibt dennoch unklar auf welche „historische Tradition“ sich bezogen wird, wenn sie schreiben:“Der Frauenkampftag hat einen internationalistischen und klassenbewussten Ausdruck verdient, denn nur so können wir seiner historischen Tradition gerecht werden.“ Das Wiederaufflammen feministischer Kämpfe und auch die Wiederentdeckung des 8. März verdanken wir wohl eher der zweiten Frauenbewegung, die keinen Bock mehr hatte die patriarchale Verblendung der ach so belesenen „Genossen“ in ihren K-Gruppen hinzunehmen, als der angeblichen historischen Traditon orthodoxer Marxisten, wie sie hier durch Rotes Erfurt und Konsorten inszeniert wird.

Dieser Eindruck verschärft sich zudem auch noch bei ihrem unzeitgemäßen Demo-Design. Welche FLINTA*s sollen sich mit diesem reinszenierten sowjetischen Propaganda-Plakat einer Bäuerin, die zum Gewehr greift, identifizieren? Im Kontext einer Demo „gegen Krieg“ erscheint dies auf mehreren Ebenen absurd. An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass der ganze Bezug auf die Sowjetunion nicht nur durch das gewählte Sharepic, sondern auch durch die Proklamierung der „Hammer und Sichel“-Symbolik und ihrer ideologisch-theoretischen Vorbilder aus feministischer Perspektive mehr als fragwürdig ist. Wer sich ein bisschen mit der Historie zur Sowjetunion beschäftigt hat, weiß, dass dieses Regime tausende Menschen in Gulags qualvoll hat sterben lassen, basic Bürger*innen- und Menschenrechte verweigerte und eine „feministische“ Staatsräson mehr Schein als Sein war. Frauen und ihre Gleichstellung waren in erster Linie Propagandamittel. Sie wurden zwar in die Lohnarbeit eingegliedert, aber hatten daneben weiterhin vor allem in der Rolle als Ehefrauen und Mütter zu fungieren. Die Sowjetunion hatte ihren feministischen Dienst offensichtlich damit abgeleistet, dass Kollontai mal ein paar Monate Volkskomissarin war.

Welchen „Feminismus“ wollen uns diese Gruppen denn also hier verkaufen? Ihre symbolischen Referenzen, ihre argumentativen Widersprüche und ihre offensichtliche Unkenntnis des feministischen Debattenstandes liefern ziemlich stichhaltige Argumente dafür, dass auch ihr Feminismus mehr Schein als Sein ist und instrumentell vor allem dazu dient, uns ihre fragwürdige, historisch-hängengebliebene, autoritäre Ideologie ein bisschen schmackhafter zu machen.

Dass es ihnen nicht ganz so ehrlich um feministische Anliegen und die Verurteilung patriarchaler und sexueller Gewalt insgesamt geht, wird auch daran deutlich, wie selektiv diese thematisiert werden. So schreiben sie: „Sexualisierte Gewalt gehört in Palästina zum gängigen Repertoire der israelischen Besatzung“, schweigen aber zu dem grausamen und verstörenden Ausmaß sexueller Gewalt durch die Hamas und ihre Sympathisanten am 7. Oktober 2023. Dieser Tag stellte nicht nur das größte Massaker an jüdischen Menschen seit dem Holocaust dar, sondern die sexuelle Gewalt wurde dabei auch zum besonderen Instrument des Judenhasses. Die Verstümmelung weiblicher Körper, die Vergewaltigungen und Versklavungen von Frauen waren hier nicht nur bloßes Kriegsmittel, sondern der bestialische Ausdruck ihres eliminatorischen Antisemitismus. Wir wollen nicht leugnen, dass sexuelle und sexualisierte Gewalt auch durch die IDF in Gaza oder der Westbank stattfinden und verurteilen diese aufs Schärfste. Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt gehören in fast allen kriegerischen Auseinandersetzungen zu den Kampfmitteln, so z.B. auch aktuell in der Ukraine durch russische Soldaten. Wenn man jedoch konsequent gegen diese patriarchalen Formen der Gewalt einstehen will, dann muss man diese auch grundsätzlich verurteilen, statt sexualisierte Gewalt nur selektiv dann argumentativ ins Feld zu führen, wenn es die eigenen ideologischen Überzeugungen untermauert.

Damit nicht genug ihrer „feministischen“ Inkonsequenz. Schaut man sich mal an, wem Rotes Erfurt so mit ihrem Instagram-Account folgen, dann sind da einige outgecallte Täterschützer-Gruppen dabei. Der Account @stoppt_taeter hat seit 2024 immense Ausmaße sexualisierter Gewalt und Täterschutzes in Gruppen wie Kommunistischer Aufbau und Föderation klassen- kämpferischer Organisationen öffentlich gemacht (Empfehlung dort mal vorbeizuschauen). Fast allen der outgecallten Gruppen folgt Rotes Erfurt noch immer auf Instagram. Auch wenn keine offiziellen Zusammen- arbeiten oder ähnliches bekannt sind, mutet das doch etwas fragwürdig aus feministischer Perspektive an – dem @stoppt_taeter-Account folgen sie hingegen nicht. Sogenannte „Rote Gruppen“ sind in der Vergangenheit schon vielfach durch Übergriffe, täterschützendes Verhalten und generell patriarchale Strukturen innerhalb ihrer Zusammen-hänge auffällig geworden. Distanzierungsbedürfnis, geschweige denn Stellung- nahme, sieht Rotes Erfurt in diesem Zusammenhang aber offensichtlich nicht für notwendig an. Natürlich sind sexualisierte Gewalt und patriarchale Strukturen innerhalb der gesamten Linken ein Problem – das ist ein Thema auf das wir als Gruppe z.B. schon mehrfach mit Redebeiträgen und Veranstaltungen hingewiesen haben. „Rote Gruppen“ sind jedoch aufgrund ihrer autoritären und kaderartigen Struktur, sowie ihrer oft gewaltverherrlichenden Ästhetik, besonders anziehend für entsprechende Männlichkeiten – dass es dann in eben diesen Strukturen zu einer Häufung oder besonders drastischem Ausmaß patriarchaler Strukturen und Gewalt kommt, ist keine Überraschung. (Zum Problem von autoritären Strukturen innerhalb roter Gruppen, schaut hier bei den Genoss*innen aus Bremen vorbei: Basisgruppe Antifa Bremen). Böse Zungen mögen uns jetzt vielleicht unterstellen, dass unsere Argumentation hier doch nach „Kontakt-Schuld“ klingt, doch darum geht es uns nicht. Uns geht es darum, auf das Fehlen einer konsistenten feministisch-solidarischen Haltung hinzuweisen. Öffentlich findet man von diesen Gruppen zumindest nichts dazu, dass sie sich in irgendeiner Form mit Patriarchalität im Allgemeinen oder in den eigenen Strukturen beschäftigen würden. Auch eine genauere Auseinandersetzung zum Zusammenhang von Kapitalismus und Patriarchat ist nirgendwo zu finden. Diese Vielzahl von „Kleinigkeiten“ erscheinen dann im Gesamtkontext doch nicht mehr so nichtig.

Um es abschließend auf den Punkt zu bringen: diese Veranstaltung und die daran beteiligten Gruppen können absolut keine konsequente feministische Position und Praxis aufweisen. Ihr „Feminismus“ ist nur Mittel zum Zweck. Sie bedienen sich feministischer Themen nach Belieben und wenn diese in die eigene ideologische Agenda passen. Um es knallhart zu sagen: Feministische Themen dienen ihnen als Menschenfänger. Wenn ihr für einen konsequenten Feminismus auf die Straße gehen wollt, bleibt dieser Veranstaltung und diesen Gruppen fern und kommt zur Demo am 8. März des Bündnisses und zur Take Back The Night Demo am Vorabend. Alerta Antisexista!

Feministische Grüße, Kritik & Intervention 

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Bedrohungen nach Protest gegen antisemitische Demo in Jena

Liebe Genoss_innen,

in den vergangenen Monaten haben sich die Fronten um den Nahost-Konflikt innerhalb der Linken immer weiter verschärft. Dies schlägt sich nicht nur in inhaltlichen Debatten nieder, sondern auch im konkreten Umgang unter Linken in der Bündnisarbeit, unseren gemeinsamen Räumen und auf der Straße.

Unabhhängig davon, wie man sich in diesem Konflikt positionieren mag, scheint es zunehmend notwendig, dass wir darüber sprechen, wie wir miteinander umgehen! 

In den letzten Wochen und Monaten haben sich die Debatten auf den lokalen Diskussionsplattformen soweit verschärft, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung und Dispute miteinander kaum noch möglich sind, das ist zutiefst bedauerlich. Was jedoch darüber weit hinausgeht und nicht hinnehmbar ist: Insbesondere antisemitismuskritische Linke und jene, die Israels Rolle als notwendigen Schutzraum jüdischen Lebens bedingungslos verteidigen, sehen sich zunehmend der Diffamierung ausgesetzt. Immer wieder müssen sie sich als Faschist_innen (wobei hier in der Regel von den Vortragenden nicht gegendert wird) titulieren lassen. Linke, die seit Jahren in antifaschistischen, feministischen und antikapitalistischen Strukturen aktiv sind, mit denen man auf vielen gemeinsamen Vorträgen, Kundgebungen und anderen politischen Aktionen gewesen ist, werden auf einmal in einen Topf geworfen mit gewaltbereiten Rechtsextremen und anderen Nazis. Hier wird nicht nur der politische Aktivismus und die politische Haltung von Genoss_innen infrage gestellt bzw. wohl eher vollkommen geleugnet, sondern auch die aktuell akute Bedrohung durch tatsächliche Faschist_innen (man siehe z.B. die Vorwürfe im aktuell laufenden Prozess gegen Knockout 51 in Jena) relativiert.

Damit ist jedoch noch nicht genug: Antisemitismuskritische Linke werden nicht mehr nur als Faschist_innen tituliert, sondern zunehmend behandelt, als stellten sie eine ähnliche Bedrohung dar. In den letzten Monaten haben sich Bedrohungen gegenüber diesen Linken gehäuft. Diese reichen von Beleidigungen über Veröffentlichung von Klarnamen, bishin zu konkreten Gewaltandrohungen und Verfolgungsepisoden. 

Zuletzt kam es während und nach der israelfeindlichen Demo am 10. Juli in Jena unter dem Motto „Stoppt den Genozid in Palästina“ und dem Gegenprotest („Gegen jeden Antisemitismus – Für eine Zukunft in Frieden“) wieder zu absolut grenzüberschreitenden Vorkommnissen. Bereits während des Gegenprotests mussten sich Teilnehmer_innen von Personen der anderen Kundgebung wie Nazis abfilmen/abfotografieren lassen. Bei den Filmern handelte es sich um Menschen aus der Jenaer Ultra-Szene, die sonst durchaus auch bei anderen linken Veranstaltungen Ordner_innen stellen oder als Schutz fungieren sollen. Es ist an Absurdität kaum zu überbieten, dass die Menschen, die uns sonst auf anderen Demos schützen sollten, hier plötzlich zur Bedrohung wurden und offensichtlich die in anderem Kontext durchaus als Genoss_innen empfundenen Teilnehmer_innnen zum Feind erklärten, der für welche Zwecke auch immer abgefilmt werden muss. Dabei blieb es jedoch nicht. Im Nachgang wurden Teilnehmer_innen des Gegenprotests damit bedroht, dass ihre Wohnorte bekannt seien und die nächsten Wochen ungemütlich werden würden. Bereits in der Vergangenheit kam es aus ebendiesem Umfeld zu Gewaltandrohungen und Verfolgungen durch die Stadt. 

Aus unserer Sicht sind diese Ereignisse inakzeptabel – losgelöst davon, wo man sich in diesem Konflikt positionieren mag. Es kann nicht sein, dass wir so miteinander umgehen. Wovon wir hier sprechen, ist Gewalt. Gewalt von Linken gegen Linke. Ein solches Verhalten bricht mit dem Minimalkonsens einer linken Solidarität, die trotz inhaltlicher Differenzen Bezugspunkt unseres politischen Handelns sein sollte.

Dies ist ein Appell an alle, in die Reflexion zu gehen. An die Personen, die solche Bedrohungen als Mittel der Einschüchterung nutzen, aber auch an alle, die ebendieses Verhalten auf ihren Kundgebungen/Veranstaltungen dulden.

Hiermit soll keine weitere inhaltliche Debatte eröffnet werden, sondern Anregung dafür gegeben werden, für sich und innerhalb seiner Strukturen zu überdenken, wie weit Situationen in den letzten Monaten eskaliert sind, was unsere Werte sind und wie wir miteinander umgehen wollen.

Kritik & Intervention

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Redebeitrag zum 8. März 2025

FEMINISTISCHE WUT 

Jedes Jahr aufs Neue treiben uns die gesellschaftlichen Missstände und unsere Vorstellungen eines besseren Lebens am 8. März auf die Straße. Und jedes Jahr wird uns applaudiert, wenn wir hier unsere Anliegen vortragen, aber sobald wir vom Mikrofon treten und die Demonstrationen vorbei sind, geht alles wieder seinen gewohnten miserablen Gang. Die Zustände treiben uns systematisch in die Resignation, in die Verzweiflung und in Depressionen. Mit unserer Wut über die gesellschaftlichen Verhältnisse bleiben wir zu oft vereinzelt oder kommen nicht darüber hinaus, sie im Privaten mit unseren Freund_innen zu teilen. Uns FLINTAs gelingt es leider zu selten diese Wut kollektiv zu organisieren und auf die Straße zu bringen. Das mag einerseits an geschlechtlichen Sozialisationsprozessen liegen, die Wut mehr oder weniger nur Männern als legitime Emotion vorbehalten und FLINTAs antrainieren, diese internalisiert gegen sich selbst zu richten, wohl aber auch an der oftmals mangelhaften bis fehlenden Unterstützung unserer sogenannten männlichen “Genossen” in feministischen Kämpfen. 

Insbesondere die letzten Wochen haben uns als Linke wütend gemacht. Man kann sie ohne Übertreibung ein einziges großformatig inzeniertes Trauerspiel über den Demokratieabbau in Deutschland nennen. Die gesamte Debatte war nur noch dominiert von einem regressiven Diskurs über Migration und Abschiebungen. Die rassistischen und fremdenfeindlichen Ressentiments, die hier – ausgenommen von der Linkspartei -im Wahlkampf bedient wurden, müssen von uns als Radikale Linke als eben solche enttarnt und kritisiert werden. Dennoch haben sich auch Linke daran beteiligt die sog. “Migrationsfrage” zum einzigen Gegenstand der politischen Auseinandersetzungen zu machen und waren kaum noch imstande andere emanzipatorische oder dezidiert feministische Positionen hörbar zu artikulieren.

Dabei sind es gerade auch feministische Errungenschaften, die dem rechten Backlash zuerst zum Opfer fallen. Sexismus, Antifeminismus und Queerfeindlichkeit sind die Klammer rechter und autoritärer Projekte weltweit. Diese Ideologien boten den Nährboden beispielsweise für die systematischen Angriffe auf diverse CSDs in ostdeutschen Bundesländern im letzten Sommer und für die allein im Januar diesen Jahres verübten sieben Femizide in Deutschland. Trotzdem scheint sich nach wie vor auf politischer Ebene niemand großartig darum zu scheren, dass Frauen aufgrund ihres Frausein von Männern – zu meist brutal – umgebracht werden. 

Stattdessen werden Linke, die sich gegen die beschissenen Verhältnisse zur Wehr setzen wollen, von Repressionswellen überzogen. Nach dem 1. Mai 2023 in Gera sind Genoss_innen einer nicht nachlassenden Willkür der staatlichen Behörden ausgesetzt. Zeitgleich gipfelte der staatliche Verfolgungswahn nach dem absurden Antifa-Ost-Verfahren nun in der nächsten groß angelegten Aktion gegen Antifaschist_innen im Budapest-Verfahren mit der beispiellosen Auslieferung Majas ans autoritäre Ungarn. Die Situation in Haft stellt für Frauen und Queers eine doppelte Unterdrückung dar, da Sexismus auch vor den Gefängnismauern nicht halt macht.

Als wären die gesellschaftlichen Verhältnisse und unsere Marginalität als radikale Linke nicht schon schlimm genug, sehen wir uns als Feminist_innen in ebendieser  – unserer eigenen Szene – zu oft im Stich gelassen und verraten. Die linke Bewegung zeigt sich anhaltend außerstande ihr Sexismusproblem zu reflektieren, duldet Täter und klammert Feminismus immer wieder als Nebenwiderspruch aus.

Während man sich dafür auf die Schulter kopft, dass man in den letzten Monaten im Vorfeld der Landtags- und Bundestagswahlen auf jeder Demo gegen Rechts rumgesprungen ist, wird mal eben ignoriert, dass Männer sich dort gerne als die letzte Bastion gegen den Faschismus inszenieren, inklusive Rumgemacker und unnötiger Gewaltphantasien. Wenn man sich dabei dann z.B. im September am Tag der Thüringer Landtagswahl im Hinterland auf einem Demokratiefest inklusive Auftritt von FSF widerfand – wobei gegen Monchi nach wie vor Vorwürfe sexueller Gewalt im Raum stehen – dann war das halt ein unglücklicher Zufall, über den man im gemeinsamen Kampf gegen Rechts aber geflissentlich hinwegsieht. Dass Männer sich nach dieser allzu schweren politischen Arbeit zu erschöpft fühlen, um noch Solidaritätsstrukturen zu unterstützen, wird zu oft schweigend hingenommen, während die FLINTAs, die zu meist ebenso am Start waren, das bitte doch auch noch übernehmen sollen. Sowohl in Anti-Rep-Strukturen, als auch in der Arbeit mit Betroffenen von sexueller Gewalt und den Tätern, die diese ausüben, wird die organisatorische und emotionale Arbeit selbstgefällig FLINTAs überlassen.

Die Männliche Dominanz in der linken Szene, sowohl strukturell als auch personell, entscheidet über Themen und Politikstile. Als FLINTAs sehen wir uns zu oft darauf zurückgeworfen, diese reproduzieren zu müssen und uns an diesen Maßstäben messen zu lassen, um überhaupt als politisches Subjekt wahrgenommen zu werden. Viele von uns treibt das über kurz oder lang in Frustration und Selbstzweifel. Die eigentlich angemessene Wut über diese Zustände lässt sich dann aber gar nicht entwickeln, da wir immer wieder zu Aushandlungsprozessen mit Männern gezwungen sind. 

Für eine explizit feministische Wut braucht es also Räume für Erfahrungsaustausch, politische Sehnsüchte und alternative Aktionsformen unter FLINTAs. Eine kritische Analyse der bestehenden Verhältnisse, die Widersprüche und Komplexität anerkennt, gehört ebenso dazu. Wie feministischer Widerstand und damit ein kollektiver Ausdruck unserer Wut aussehen kann, wurde in der Vergangenheit am Beispiel feministischer Streiks um den 8. März sicht- und spürbar. Hier zeigten Feminist_innen kompromisslos ihre Weigerung bestehende patriarchale Strukturen in der Organisation von Reproduktionsarbeit hinzunehmen. Auch unsere Genossinnen in Lateinamerika machen uns vor, wie sie aus ihrer vereinzelten Wut einen kollektiven Widerstand organisieren. 

Eben weil Wut dazu befähigen kann, sich mächtig zu fühlen, sich Raum zu nehmen und sich zu behaupten, ist sie im Angesicht männlicher Vorherrschaft eine Gefahr für eben diese. Eine geteilte feministische Wut ist imstande auszudrücken, wie ernst es uns mit unserem Kampf ist. Die öffentliche Umdeutung unserer Wut als hysterisch, unglaubwürdig und lächerlich, ist nur Ausdruck männlicher Angst. Unsere Wut ist aber keine krankhafte Emotionalität, keine psychologische Fehlentwicklung, kein Symptom unserer durcheinander geratenen Hormone. Nein! Sie ist unsere Waffe, ein Mittel, uns gegen das Geschlechterverhältnis zu wehren, uns gegen unsere Unterdrückung aufzulehnen und für uns zu kämpfen. Feministische Wut ist eine vereinende Emotion mit Klarheit und Stärke und einem Ziel. Lasst sie uns organisieren!